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Druckversion vom 28.06.2010
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Dr. Volker Schmiedel
Habichtswald Klinik
34131 Kassel
Telefon 0561 3108-101
E-Mail schmiedel@habichtswaldklinik-ayurveda.de
Einleitung
Ein Gespenst geht um in Charterflugzeugen: Die Angst vor der
Unterschenkelthrombose oder auf "Neudeutsch" dem
Economy-Class-Syndrom. Damit werden die Thrombosen bezeichnet, die
auf enges Sitzen in der "Holzklasse" der Urlaubsbomber
zurückgeführt werden. Wie hoch oder niedrig ist das Risiko
tatsächlich? Wie kann man eine Thrombose erkennen? Und was können
Sie vorbeugend dagegen unternehmen? Diese Fragen werden in
folgendem Beitrag sachlich und umfassend beantwortet.
Thrombose und Embolie, die gefährlichen
Geschwister
Bei einer Thrombose kommt es zu einer Gerinnselbildung. Beim
Economy-Class-Syndrom bilden sich diese Gerinnsel meist in den
Unterschenkelvenen. Löst sich das Gerinnsel nicht wieder innerhalb
einiger Wochen auf, so können chronische venöse Abflussstörungen
resultieren (dicke Beine, Hautveränderungen). Gefährlich wird es
vor allem dann, wenn sich das Gerinnsel oder ein Teil davon ablöst.
Dann gelangt es nämlich über das Herz in die Lunge, wo es in einer
Lungenarterie steckenbleibt und diese verschließt. Je größer das
Gerinnsel, desto größer ist der betroffene Lungenbezirk. Einen
Gefäßverschluss durch ein im Gefäß selbst gebildetes Gerinnsel
nennen wir Thrombose, einen Verschluss durch ein angeschwemmtes
Gerinnsel hingegen Embolie. Es kann daher nach einer Venenthrombose
unter Umständen zu einer gefährlichen Lungenembolie kommen.
Untätigkeit lässt das Blut stocken
Zunächst einmal ist es nicht das Fliegen, welches zu einer
Thrombose führt, sondern die körperliche Untätigkeit während des
Fluges. Wer nach einer Operation eine Woche lang im Bett liegen
muss, hat ebenfalls ein deutlich erhöhtes Risiko für eine
Thrombose. Wer in einem Rutsch ohne Pause im Auto von Hamburg nach
München fährt, erhöht sein Thromboserisiko ebenfalls deutlich.
Richtiges trinken ist entscheidend
Beim Fliegen wird das Risiko, welches durch die Untätigkeit
entsteht, aber noch durch den Flüssigkeitsentzug massiv erhöht. Die
Luft im Flieger enthält sehr wenig Feuchtigkeit. Sie führt daher
zur Austrocknung des Körpers. Die Flüssigkeitsverluste sollten
unbedingt durch eine adäquate Flüssigkeitszufuhr gedeckt werden.
Viele Fluggäste führen während des Fluges zwar reichlich
Flüssigkeit zu, leider jedoch in Form von Alkoholika, Kaffee oder
Schwarztee. Diese Getränke regen aber die Flüssigkeitsausscheidung
über die Niere an und fördern somit die Austrocknung, anstatt ihr
entgegenzuwirken. Durch diese Austrocknung wird das Blut dicker
(exakter: der Hämatokrit, d.h. der Anteil der festen Bestandteile
im Blut nimmt zu). Ein solch eingedicktes Blut neigt sehr viel
leichter zur Gerinnselbildung als ein normal dünnes.
Verharmlosung oder Panik?
In den Medien ist in den letzten Monaten verstärkt über das
Economy-Class-Syndrom berichtet worden. Die Kommentare waren dabei
teilweise verharmlosend, teilweise schürten sie aber auch Panik.
Einige Zahlen mögen zur Versachlichung der Thematik
beitragen.
Aus statistischen Erhebungen wissen wir, dass bei einer normalen
Bevölkerung das Risiko einer Thrombose im Verlauf von
Langstreckenflügen um etwas mehr als Doppelte ansteigt. Das klingt
sehr bedrohlich, wird aber relativiert, wenn wir uns einmal die
absoluten Zahlen anschauen. In der Allgemeinbevölkerung kommt es
innerhalb von drei Wochen zu durchschnittlich sechs Thrombosen pro
100.000 Einwohner. In den drei Wochen nach einem Langstreckenflug
werden hingegen 14 Thrombosen registriert - also 8 Thrombosen
zusätzlich zu denen, die ohnehin aufgetreten wären. Würden allen
Fluggästen beispielsweise Heparinspritzen als Thromboseprophylaxe
verabreicht werden, so wäre diese Maßnahme bei 99.992 vergeblich,
wohingegen 8 geholfen würde (99.986 hätten sowieso keine, 6 hätten
sowieso eine Thrombose bekommen). Bei den knapp 100.000 vergeblich
behandelten müssten wir allerdings eine ganze Reihe von
Komplikationen durch die Heparinbehandlung in Kauf nehmen. Ein
solches Vorgehen wird derzeit auch nicht ernsthaft diskutiert.
Allgemeinmaßnahmen zur Prophylaxe, wie sie unten beschrieben
werden, sind hingegen kostenlos, ohne Nebenwirkungen und von jedem
ohne großen Aufwand leicht durchzuführen.
Hohes Risiko, aggressivere Vorbeugung
Ganz anders schaut die Risikosituation aus, wenn es in der
Vorgeschichte bereits einmal zu einer spontanen Thrombose gekommen
ist. Dann nämlich treten alle drei Wochen bei 100.000 dieser
Risikopatienten knapp 500 Thrombose auf. In den drei Wochen nach
einem Langstreckenflug steigt diese Zahl gar auf über 1000 an.
Durch geeignete Maßnahmen könnten hier mehr als 600 Thrombosen je
100.000 Fluggäste verhindert werden. Bei diesen Risikopersonen
würde sich also ein etwas aggressiveres Vorgehen lohnen. Ein
Langstreckenflug ist ein Flug über deutlich mehr als vier Stunden
(meist Transkontinentalflüge von acht Stunden und mehr Flugdauer).
Der "Hüpfer" nach Mallorca führt fast nie zu einer Thrombose (die
Beachtung der beschriebenen Allgemeinmaßnahmen ist aber auch bei
einem Kurz- oder Mittelstreckenflug nie verkehrt).
Achtung: Gasalarm!
| Wenn die übliche Flughöhe von etwa 10.000
Metern erreicht ist, dann herrscht in der Druckkabine des
Flugzeuges natürlich ein viel höherer Druck als es der Außenluft
entspricht. Der Druck ist aber auch niedriger als der auf
Meereshöhe. Er entspricht einem Druck, wie man in sonst auf etwa
2000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel vorfindet. Dies bedeutet, dass ein auf dem Boden aufgepumpter Luftballon sich auf Flughöhe um etwa 30 % ausdehnt. Dasselbe geschieht allerdings auch mit den Gasen in unserem Darm! Wer also unter Meteorismus (Blähungen) leidet, wird im Flieger noch viel mehr davon betroffen sein. Die aufgeblähten Darmgase können das Zwerchfell nach oben drücken und unangenehme Herzsensationen hervorrufen, das sogenannte Roemheld-Syndrom. Sie drücken allerdings auch auf die untere Hohlvene, die das Blut aus der unteren Körperhälfte dem Herzen zuführt. Der venöse Abfluss kann so aus den Beinen verschlechtert werden, das Blut fließt langsamer und neigt daher noch etwas eher zur Gerinnselbildung (das Risiko wird hierdurch vermutlich nur ein klein wenig erhöht). Wer unter Meteorismus leidet, sollte darum im Flieger besonders solche Speisen vermeiden, von denen er weiß, dass sie bei ihm zu Blähungen führen. Gegebenenfalls sollten vor dem Flug entblähende Medikamente eingenommen werden - wegen des unangenehmen Bauchdruckes, aber auch zur Thromboseprophylaxe. |
Vorbeugen ist besser als Heilen
Die vorbeugenden Maßnahmen sollten also nach dem bestehenden Risiko
abgestuft werden. Der Flugtourist mit normalem Risiko sollte sich
an folgende Regeln halten:
Flugtouristen mit erhöhtem Risiko sind unter anderem alle
Menschen, die schon einmal eine Thrombose hatten, alle Frauen unter
Kontrazeptiva ("Pille") - besonders dann, wenn sie rauchen - sowie
alle Patienten mit bekannten Gerinnungsstörungen, die das Risiko
einer Thrombose erhöhen. Wenn bereits unerklärliche, spontane
Thrombosen aufgetreten sind, dann sollte gezielt nach solchen
Gerinnungsstörungen gesucht werden (siehe Kasten).
Ein eher erniedrigtes Risiko haben Vegetarier, die im Vergleich zur
Normalbevölkerung meist einen etwas niedrigeren Hämatokrit
aufweisen. Auch dürfen sich Menschen, die reichlich
Omega-3-Fettsäuren (z. B. Fische, Leinöl) zu sich nehmen, in einer
gewissen Sicherheit wiegen. Eine solche Kost sollte allerdings
mindestens drei Monate lang eingenommen werden (ein Heringsbrötchen
vor dem Flug reicht leider nicht aus).
Laboruntersuchungen bei Verdacht auf
thrombosefördernde Gerinnungsstörungen
|
Bei einem erhöhtem Risiko kommen folgende Maßnahmen in Betracht:
Was aber tun, wenn nach einem Flug die Beine anschwellen? Ist dann doch eine Unterschenkelvenenthrombose eingetreten? Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da eine beidseitige Thrombose zwar nicht unmöglich, aber sehr selten ist. Vermutlich handelt es sich um eine venöse Stauung durch das lange Herabhängen der Beine. Wenn Sie die Beine hochlagern, fließt die Flüssigkeit wieder zurück und die Beine schwellen ab. Bei einer Thrombose bleibt das betroffene Bein hingegen dick.
Hier noch einmal die wichtigsten Symptome einer Venenthrombose:
Sollten Sie aufgrund der Symptome - es müssen nicht alle
gleichzeitig vorliegen - den Verdacht auf eine Thrombose haben, so
sollten Sie möglichst rasch einen Arzt aufsuchen. Fast jeder
Flughafen und jede größere Ferienanlage verfügt über einen eigenen
ärztlichen Dienst, der meist rund um die Uhr erreichbar ist. Wenn
Sie sich aber an die Empfehlungen halten, so ist Ihr Risiko denkbar
niedrig und Sie dürfen sich angstfrei auf Ihren Urlaub
freuen.
Guten Flug!
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir
danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum
Abdruck.
www.naturarzt-access.de
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Wigandstr. 1, 34131 Kassel Telefon 0561 3108-101 |