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Seite: Schutz vor dem Economy-Class-Syndrom


Schutz vor dem Economy-Class-Syndrom

Vorbeugung vor Thrombose auf Reisen

Dr. Volker Schmiedel
Habichtswald Klinik
34131 Kassel
Telefon 0561 3108-101
E-Mail schmiedel@habichtswaldklinik-ayurveda.de

Einleitung
Ein Gespenst geht um in Charterflugzeugen: Die Angst vor der Unterschenkelthrombose oder auf "Neudeutsch" dem Economy-Class-Syndrom. Damit werden die Thrombosen bezeichnet, die auf enges Sitzen in der "Holzklasse" der Urlaubsbomber zurückgeführt werden. Wie hoch oder niedrig ist das Risiko tatsächlich? Wie kann man eine Thrombose erkennen? Und was können Sie vorbeugend dagegen unternehmen? Diese Fragen werden in folgendem Beitrag sachlich und umfassend beantwortet.

Thrombose und Embolie, die gefährlichen Geschwister
Bei einer Thrombose kommt es zu einer Gerinnselbildung. Beim Economy-Class-Syndrom bilden sich diese Gerinnsel meist in den Unterschenkelvenen. Löst sich das Gerinnsel nicht wieder innerhalb einiger Wochen auf, so können chronische venöse Abflussstörungen resultieren (dicke Beine, Hautveränderungen). Gefährlich wird es vor allem dann, wenn sich das Gerinnsel oder ein Teil davon ablöst. Dann gelangt es nämlich über das Herz in die Lunge, wo es in einer Lungenarterie steckenbleibt und diese verschließt. Je größer das Gerinnsel, desto größer ist der betroffene Lungenbezirk. Einen Gefäßverschluss durch ein im Gefäß selbst gebildetes Gerinnsel nennen wir Thrombose, einen Verschluss durch ein angeschwemmtes Gerinnsel hingegen Embolie. Es kann daher nach einer Venenthrombose unter Umständen zu einer gefährlichen Lungenembolie kommen.

Untätigkeit lässt das Blut stocken
Zunächst einmal ist es nicht das Fliegen, welches zu einer Thrombose führt, sondern die körperliche Untätigkeit während des Fluges. Wer nach einer Operation eine Woche lang im Bett liegen muss, hat ebenfalls ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Thrombose. Wer in einem Rutsch ohne Pause im Auto von Hamburg nach München fährt, erhöht sein Thromboserisiko ebenfalls deutlich.

Richtiges trinken ist entscheidend
Beim Fliegen wird das Risiko, welches durch die Untätigkeit entsteht, aber noch durch den Flüssigkeitsentzug massiv erhöht. Die Luft im Flieger enthält sehr wenig Feuchtigkeit. Sie führt daher zur Austrocknung des Körpers. Die Flüssigkeitsverluste sollten unbedingt durch eine adäquate Flüssigkeitszufuhr gedeckt werden. Viele Fluggäste führen während des Fluges zwar reichlich Flüssigkeit zu, leider jedoch in Form von Alkoholika, Kaffee oder Schwarztee. Diese Getränke regen aber die Flüssigkeitsausscheidung über die Niere an und fördern somit die Austrocknung, anstatt ihr entgegenzuwirken. Durch diese Austrocknung wird das Blut dicker (exakter: der Hämatokrit, d.h. der Anteil der festen Bestandteile im Blut nimmt zu). Ein solch eingedicktes Blut neigt sehr viel leichter zur Gerinnselbildung als ein normal dünnes.

Verharmlosung oder Panik?
In den Medien ist in den letzten Monaten verstärkt über das Economy-Class-Syndrom berichtet worden. Die Kommentare waren dabei teilweise verharmlosend, teilweise schürten sie aber auch Panik. Einige Zahlen mögen zur Versachlichung der Thematik beitragen.

Aus statistischen Erhebungen wissen wir, dass bei einer normalen Bevölkerung das Risiko einer Thrombose im Verlauf von Langstreckenflügen um etwas mehr als Doppelte ansteigt. Das klingt sehr bedrohlich, wird aber relativiert, wenn wir uns einmal die absoluten Zahlen anschauen. In der Allgemeinbevölkerung kommt es innerhalb von drei Wochen zu durchschnittlich sechs Thrombosen pro 100.000 Einwohner. In den drei Wochen nach einem Langstreckenflug werden hingegen 14 Thrombosen registriert - also 8 Thrombosen zusätzlich zu denen, die ohnehin aufgetreten wären. Würden allen Fluggästen beispielsweise Heparinspritzen als Thromboseprophylaxe verabreicht werden, so wäre diese Maßnahme bei 99.992 vergeblich, wohingegen 8 geholfen würde (99.986 hätten sowieso keine, 6 hätten sowieso eine Thrombose bekommen). Bei den knapp 100.000 vergeblich behandelten müssten wir allerdings eine ganze Reihe von Komplikationen durch die Heparinbehandlung in Kauf nehmen. Ein solches Vorgehen wird derzeit auch nicht ernsthaft diskutiert. Allgemeinmaßnahmen zur Prophylaxe, wie sie unten beschrieben werden, sind hingegen kostenlos, ohne Nebenwirkungen und von jedem ohne großen Aufwand leicht durchzuführen.

Hohes Risiko, aggressivere Vorbeugung
Ganz anders schaut die Risikosituation aus, wenn es in der Vorgeschichte bereits einmal zu einer spontanen Thrombose gekommen ist. Dann nämlich treten alle drei Wochen bei 100.000 dieser Risikopatienten knapp 500 Thrombose auf. In den drei Wochen nach einem Langstreckenflug steigt diese Zahl gar auf über 1000 an. Durch geeignete Maßnahmen könnten hier mehr als 600 Thrombosen je 100.000 Fluggäste verhindert werden. Bei diesen Risikopersonen würde sich also ein etwas aggressiveres Vorgehen lohnen. Ein Langstreckenflug ist ein Flug über deutlich mehr als vier Stunden (meist Transkontinentalflüge von acht Stunden und mehr Flugdauer). Der "Hüpfer" nach Mallorca führt fast nie zu einer Thrombose (die Beachtung der beschriebenen Allgemeinmaßnahmen ist aber auch bei einem Kurz- oder Mittelstreckenflug nie verkehrt).

Achtung: Gasalarm!

Wenn die übliche Flughöhe von etwa 10.000 Metern erreicht ist, dann herrscht in der Druckkabine des Flugzeuges natürlich ein viel höherer Druck als es der Außenluft entspricht. Der Druck ist aber auch niedriger als der auf Meereshöhe. Er entspricht einem Druck, wie man in sonst auf etwa 2000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel vorfindet.

Dies bedeutet, dass ein auf dem Boden aufgepumpter Luftballon sich auf Flughöhe um etwa 30 % ausdehnt. Dasselbe geschieht allerdings auch mit den Gasen in unserem Darm! Wer also unter Meteorismus (Blähungen) leidet, wird im Flieger noch viel mehr davon betroffen sein.

Die aufgeblähten Darmgase können das Zwerchfell nach oben drücken und unangenehme Herzsensationen hervorrufen, das sogenannte Roemheld-Syndrom. Sie drücken allerdings auch auf die untere Hohlvene, die das Blut aus der unteren Körperhälfte dem Herzen zuführt. Der venöse Abfluss kann so aus den Beinen verschlechtert werden, das Blut fließt langsamer und neigt daher noch etwas eher zur Gerinnselbildung (das Risiko wird hierdurch vermutlich nur ein klein wenig erhöht).
Wer unter Meteorismus leidet, sollte darum im Flieger besonders solche Speisen vermeiden, von denen er weiß, dass sie bei ihm zu Blähungen führen. Gegebenenfalls sollten vor dem Flug entblähende Medikamente eingenommen werden - wegen des unangenehmen Bauchdruckes, aber auch zur Thromboseprophylaxe.

Vorbeugen ist besser als Heilen
Die vorbeugenden Maßnahmen sollten also nach dem bestehenden Risiko abgestuft werden. Der Flugtourist mit normalem Risiko sollte sich an folgende Regeln halten:

Flugtouristen mit erhöhtem Risiko sind unter anderem alle Menschen, die schon einmal eine Thrombose hatten, alle Frauen unter Kontrazeptiva ("Pille") - besonders dann, wenn sie rauchen - sowie alle Patienten mit bekannten Gerinnungsstörungen, die das Risiko einer Thrombose erhöhen. Wenn bereits unerklärliche, spontane Thrombosen aufgetreten sind, dann sollte gezielt nach solchen Gerinnungsstörungen gesucht werden (siehe Kasten).

Ein eher erniedrigtes Risiko haben Vegetarier, die im Vergleich zur Normalbevölkerung meist einen etwas niedrigeren Hämatokrit aufweisen. Auch dürfen sich Menschen, die reichlich Omega-3-Fettsäuren (z. B. Fische, Leinöl) zu sich nehmen, in einer gewissen Sicherheit wiegen. Eine solche Kost sollte allerdings mindestens drei Monate lang eingenommen werden (ein Heringsbrötchen vor dem Flug reicht leider nicht aus).

Laboruntersuchungen bei Verdacht auf thrombosefördernde Gerinnungsstörungen
  • Protein C
  • Protein S
  • AT III
  • Faktor V-Leiden- Gen
  • Faktor V-Leiden-Aktivität
  • Quick
  • Fibrinogen

Bei einem erhöhtem Risiko kommen folgende Maßnahmen in Betracht:

Was aber tun, wenn nach einem Flug die Beine anschwellen? Ist dann doch eine Unterschenkelvenenthrombose eingetreten? Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da eine beidseitige Thrombose zwar nicht unmöglich, aber sehr selten ist. Vermutlich handelt es sich um eine venöse Stauung durch das lange Herabhängen der Beine. Wenn Sie die Beine hochlagern, fließt die Flüssigkeit wieder zurück und die Beine schwellen ab. Bei einer Thrombose bleibt das betroffene Bein hingegen dick.

Hier noch einmal die wichtigsten Symptome einer Venenthrombose:

Sollten Sie aufgrund der Symptome - es müssen nicht alle gleichzeitig vorliegen - den Verdacht auf eine Thrombose haben, so sollten Sie möglichst rasch einen Arzt aufsuchen. Fast jeder Flughafen und jede größere Ferienanlage verfügt über einen eigenen ärztlichen Dienst, der meist rund um die Uhr erreichbar ist. Wenn Sie sich aber an die Empfehlungen halten, so ist Ihr Risiko denkbar niedrig und Sie dürfen sich angstfrei auf Ihren Urlaub freuen.
Guten Flug!

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.
www.naturarzt-access.de

 


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Dr. Volker Schmiedel

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