Gesundheitstipps der Wicker-Gruppe. Ein Service der Wicker-Kliniken - Wir sorgen für Gesundheit
Druckversion vom 02.12.2011
URL: http://www.gesundheitstipps.wicker-kliniken.de/naturarzt/lipobay.html
Über 50 Menschen, die den Cholesterinsynthesehemmer eingenommen hatten, sind verstorben (Stand 8/01). Ein ursächlicher Zusammenhang wird vermutet, der Kurs der Bayer-Aktie stürzte dramatisch ab, Rechtsanwälte fiebern bereits den Schadensersatzprozessen in hundertfacher Millionenhöhe entgegen. Die Medien weiden sich im Sommerloch an einem willkommenen Arzneimittelskandal. Doch worin liegt eigentlich der Skandal?
Nebenwirkung seit Jahren bekanntDass Cholesterinsynthesehemmer zu einer
Muskelzerstörung führen können, ist seit Jahren bekannt. Auch dass
insbesondere die gleichzeitige Einnahme von Fibraten mit
Cholesterinsynthesehemmern dieses Risiko für den Muskel enorm
erhöht, ist überhaupt nichts Neues. In meinem Cholesterinbuch habe
ich bereits vor 5 Jahren (in medizinisch-wissenschaftlichen
Maßstäben geradezu eine Ewigkeit) die parallele Einnahme dieser
beiden Substanzen als Gegenanzeige angegeben. Auch die
Pharmaindustrie hat diese Erkenntnisse berücksichtigt und in den
Informationen für Ärzte sowie in den Beipackzetteln ausdrücklich
davor gewarnt.
Ohne jetzt den Bayer-Konzern verteidigen zu wollen, frage ich mich
allerdings, welches schuldhafte Verhalten diesem vorzuwerfen ist.
Ein Skandal wäre es natürlich dann, wenn den Verantwortlichen von
Bayer frühzeitig Informationen über ein erhöhtes Risiko gerade von
Lipobay® gegenüber anderen Fettsenkern vorgelegen hätte, und sie
dieses Wissen nicht weitergegeben hätten. Hierfür gibt es aber
(noch) keine stichhaltigen Beweise.
Nein, ich meine, der Skandal liegt ganz woanders. Die Verantwortung für Nebenwirkungen trifft den behandelnden Arzt, wenn er nicht lege artis, nicht nach anerkannten Richtlinien gehandelt hat. Die gemeinsame Verordnung von Fibraten und Cholesterinsynthesehemmern ist ein solcher Bruch einer Richtlinie, für den man schon eine sehr gute Begründung haben muss. Daneben ist allen auch bekannt gewesen, dass es sich bei Cholesterinsynthesehemmern um sehr potente Medikamente handelt. Der Preis, den man für positive Wirkungen starker Arzneimittel bezahlt, ist immer das Risiko auch gewisser Nebenwirkungen. Cholesterinsynthesehemmer können auch ohne gleichzeitiges Fibrat in seltenen Fällen unter anderem zu Leberschädigungen und Muskelzerstörungen führen. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis muss in jedem Fall kritisch abgewogen werden.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besserDarüberhinaus stand und steht den verordnenden Ärzten immer noch die Möglichkeit einer Kontrolle der Nebenwirkungen zur Verfügung. Seit Jahren kontrolliere ich bei jedem Patienten, den ich neu mit diesen Medikamenten einstelle, nach drei Wochen nicht nur die Fettwerte, um den Erfolg zu messen, sondern auch die Enzyme CK (Creatinkinase, welches Muskelzerstörung anzeigt) sowie die Leberenzyme yGT, GOT, GPT (welche bei Leberschädigungen ansteigen). Kommt es hierbei zu deutlichen Verschlechterungen, so muss das Medikament abgesetzt werden. Glücklicherweise muss ich nicht viele Patienten mit diesen starken Mitteln behandeln, da es mit natürlichen Maßnahmen oft gelingt, die Fettwerte in vernünftige Bereiche abzusenken, manche Patienten profitieren aber auch nach kritischer Abwägung von Cholesterinsynthesehemmern, so dass eine Einnahme durchaus sinnvoll sein kann. Eine Enzymerhöhung, die das Absetzen erforderlich gemacht hätte, habe ich noch nie gesehen, aber drohende, gefährliche Nebenwirkungen wären nach diesem Procedere relativ sicher rechtzeitig erkannt worden. Die Cholesterinsynthesehemmer- verordnenden Ärzte müssen sich schon fragen lassen, ob sie jeden neu eingestellten Patienten so sorgfältig beobachten. Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur sehr wenige Ärzte gibt, die sich danach richten.
Bescheidene Rahmenbedingungen für ÄrzteEin bisshen möchte ich aber auch die "armen Ärzte" verteidigen. Es gibt in der Roten Liste, einem Verzeichnis der meisten in Deutschland erhältlichen Arzneimittel, einige Zehntausend Medikamente. Bei allen gibt es nicht nur Anzeigen, Gegenanzeigen und Nebenwirkungen, sondern auch noch Wechselwirkungen zu anderen Medikamenten. Dies alles kann kein Arzt im Kopf haben. Wenn ein Patient mit bereits zehn Medikamenten (dies ist heute keine Seltenheit mehr) zu ihm kommt, und der Arzt ihm das elfte verordnen will, so müßte er im Prinzip alle zehn bereits eingenommen Mittel auf mögliche Wechselwirkungen zum neuen Medikament hin überprüfen. Einige wichtige Interaktionen kennt er natürlich auswendig, aber eben nicht alle. Nur, läßt ihm das heutige Medizinsystem denn überhaupt die Zeit, seiner Sorgfaltspflicht in ausreichendem Maße nachzukommen? Wie wird die halbe Stunde, die er eigentlich für das Literaturstudium benötigen würde, denn vergütet? Selbst, wenn der Arzt es wollte, er könnte es gar nicht, oder seine Praxis würde rasch den finanziellen Kollaps erleiden.
Chipkarte ist eine "Beruhigungspille"Deshalb ist auch die geplante Einführung der Medikamenten-Chipkarte ein reiner Sturm im Wasserglas, ein purer Aktionismus, der angeblich beweisen soll, dass die Politik sich um die Patienten sorgt - einen Nutzen verspreche ich mir davon nicht. Natürlich ist es sinnvoll, wenn alle eingenommen Medikamente parallel erfaßt werden. Wenn es vom Arzt abgefragt wird und vom Patienten vollständig angegeben wird, ist dies aber bereits heute ohne weiteres möglich. Eine Prüfung auf mögliche Medikamenten-Wechselwirkungen wurde damit aber immer noch nicht durchgeführt. Sinn würde eine solche Chipkarte dann machen, wenn sie von einem Computer, der alle potentiellen Interaktionen gespeichert hat, automatisch auf eben diese Interaktionen hin geprüft würde. Dies ist meines Wissens bisher aber nicht geplant und wenn ja, wer würde dann für die milliardenschweren Investitionen aufkommen, die ein solches sinnvolles Verfahren kosten würde?
Nicht ein Skandal, sondern viele SkandaleDer Skandal liegt also in der mangelhaften
Sorgfaltspflicht verordnender Ärzte. Der Skandal liegt aber auch
darin, dass den Ärzten immer weniger die Rahmenbedingungen
ermöglicht werden, ihren Pflichten verantwortungsvoll nachzukommen.
Und der Skandal - damit komme ich zum Patienten, damit jeder sein
"Fett" wegbekommt (passt ja auch gut zum Thema "Fettsenker") -
liegt auch in der oftmals fehlenden Bereitschaft des Patienten,
Verantwortung für seine eigene Krankheit und deren Behandlung zu
übernehmen.
Die Zeiten des unbegrenzten Vertrauens in die Allmacht unserer
Kapazitäten der medizinischen Hochschulen, der Pharmaindustrie, der
Politik, ja des gesamten Gesundheitssystems sind doch schon lange
vorbei. Das müsste eigentlich anhand der zunehmenden vermeintlichen
oder tatsächlichen Skandale auch dem Gutgläubigsten klar geworden
sein. Damit möchte ich überhaupt kein Misstrauen in die
Arzt-Patienten-Beziehung säen. Patienten sollen und dürfen auch
weiterhin Vertrauen zu "ihrem" Arzt haben. Aber beide - Arzt und
Patient - sollen sich darüber im klaren sein, dass Fehler immer
möglich. Kein überkritisches Hinterfragen jeder einzelnen Maßnahme
des Arztes tut not, aber ein sinnvolles Mitdenken. Warum sollte der
Patient nicht den Beipackzettel lesen und seinen Arzt fragen, wenn
eine beschriebene Nebenwirkung auftritt oder er ein anderes
Medikament einnimmt, welches sich mit dem gerade verordneten
"beißt"? Warum reagieren Ärzte immer noch mit Abwehr und
persönlicher Kränkung, wenn der Patient mitgedacht und ihn auf
etwas aufmerksam gemacht hat, was ihm selbst entgangen war? Die
Medizin der Zukunft wird (hoffentlich) von einem
partnerschaftlichen Miteinander von Arzt und Patient geprägt
werden, die beide aktiv an der Krankheitsvermeidung und
Gesundwerdung des Patienten arbeiten.
Und hier liegt es eben auch noch bei vielen Mitbürgern im Argen. Warum werden denn eigentlich so viele Cholesterinsynthesehemmer verordnet? Warum liegt der durchschnittliche Cholesterinspiegel in Deutschland denn bei 250 und in China bei 150 mg/dl? Wenn Chinesen einen "westlichen Lebensstil" annehmen, haben sie übrigens auch sehr rasch die westlichen Cholesterinwerte. Es darf eigentlich überhaupt kein Cholesterinsenker verordnet werden, wenn der Patient sich nicht vorher mindestens drei Monate bemüht, seine Ernährung drastisch umzustellen, sich mehr und ausdauernd zu bewegen und ernsthaft für Entspannung und vegetativen Ausgleich sorgt. Ernährungsumstellung ist übrigens ein mehr, als nur das Fett vom Fleisch abzuschneiden und die Butter durch Margarine zu ersetzen. Doch wer möchte das schon? Es ist doch viel bequemer, den gewohnten Lebensstil beizubehalten und dann ein Mittel einzunehmen, welches laborkosmetisch die Werte in den Normbereich absenkt. Solange es die Kasse (noch) zahlt, besteht doch wenig Motivation, selbst für gute Cholesterinwerte zu sorgen. Es gibt natürlich einige Menschen, die auch bei gewissenhafter Umsetzung aller natürlicher Maßnahmen zur Cholesterinsenkung aufgrund einer genetischen Disposition exorbitant hohe Werte haben - bei diesen ist dann eine medikamentöse Behandlung tatsächlich nicht zu vermeiden.
Was lernen wir aus diesem Skandal?Alle starken Medikamente können (müssen im
Einzelfall aber nicht) auch starke Nebenwirkungen haben. Arzt und
Patient sollte jede Verordnung eines chemisch-synthetischen
Medikamentes hinterfragen und kritisch Nutzen und Risiko
gegeneinander abwägen. Das bedeutet nicht, wie ich es leider auch
immer wieder bei "Naturheilkunde-Dogmatikern" erlebe, grundsätzlich
jedes dieser Medikament als Teufelszeug zu verdammen und
schlichtweg abzulehnen.
Ein weiterer Skandal ist, dass zur Zeit nur über die (weltweit)
etwa 50 Toten unter Lipobay® diskutiert wird, dabei aber übersehen
wird, dass alle anderen Cholesterinsynthesehemmer prinzipiell
dasselbe Risiko aufweisen. Den Konkurrenzfirmen mit anderen
Präparaten wird ihre jetzige Schadenfreude und das Buhlen um
Marktanteile ("Unser Präparat ist sicher!") noch vergehen, wenn
sich herausstellen sollte, dass diese anderen Präparate
(vielleicht) keinen Deut besser abschneiden.
Noch ein Skandal: Was sind 50 Tote, die unter der Behandlung einer
gefährlichen Stoffwechselstörung aufgetreten sind, gegenüber den
mittlerweile mehr als 100 Toten, die Viagra® eingenommen haben -
nicht um eine Krankheit zu bekämpfen, sondern "nur" um "ihren Mann
zu stehen". Warum diskutieren wir nicht auch über die
schätzungsweise 1200 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland durch
die Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika (z.B. Diclofenac,
Ibuprofen) an einem Magengeschwür verbluten? Seriöse Quellen
besagen, dass in Amerika Nebenwirkungen von Medikamenten
mittlerweile die vierthäufigste Todesursache geworden ist. Ich
bezweifle, dass es in Deutschland anders aussieht. Wovor wird in
Deutschland aber von unseren Pharmakologieprofessoren gewarnt - vor
den "gefährlichen" Echinacea-Präparaten und vor Mega-Dosen von
Vitamin C.
Wir brauchen auch chemisch-synthetische Medikamente. Aber wir
brauchen Sie nicht so oft, wie wir glauben oder pharma-gläubige
Ärzte uns immer noch weismachen wollen. Viele (nicht alle)
Krankheiten und Störungen lassen sich zuverlässig, preiswerter und
vor allem nebenwirkungsärmer mit pflanzlichen oder homöopathischen
Heilmitteln, mit richtiger Bewegung und Ernährung und
gegebenenfalls weiteren Naturheilverfahren erfolgreich behandeln
(oder sogar erst gar nicht entstehen lassen).
Wenn wir diese Skandale als Chance nutzen, ein Umdenken bei jedem Einzelnen, aber auch im Gesundheitssystem zu erreichen, dann hatte selbst dieser Skandal seinen Sinn, dann sind die beklagenswerten Opfer nicht umsonst gestorben.
Literatur:Schmiedel, V.: Cholesterin naturgemäß behandeln,
Haug-Verlag
Schmiedel/Augustin: Handbuch Naturheilkunde, Kap.
Fettstoffwechselstörungen
Schmiedel, V.: Cholesterin - Fakten und Meinungen, Naturarzt
2+3/95
Dr. Volker Schmiedel
Habichtswald Klinik
34131 Kassel
Telefon 0561 3108-101
E-Mail schmiedel@habichtswaldklinik-ayurveda.de
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der
Naturarzt".
Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum
Abdruck.
www.naturarzt-access.de
|
Wigandstr. 1, 34131 Kassel Telefon 0561 3108-101 |
|
Gesund und Fit für den Alltag Programme bei: Heilfasten Habichtswald Klinik Klinik für Ganzheitsmedizin
|