Faszination Immunsystem
Immer mehr Menschen klagen über Infektanfälligkeit. Sind Sie auch bei
jeder Erkältungswelle dabei? Oder werden Sie eine Infektion nicht so schnell
wieder los, wenn Sie wieder einmal eine aufgefangen haben? Dann sollten Sie
etwas dagegen tun. Diagnostisch steht uns mittlerweile ein ganzes Arsenal von
Methoden zur Verfügung, die das Immunsystem beurteilen.
Das Immunsystem, welches sich in Hunderten von Jahrmillionen während
ständiger Auseinandersetzungen mit unterschiedlichsten Erregern entwickelt hat,
ist daher äußerst komplex. Das macht es für Krankheitskeime relativ schwer, in
einem Organismus Fuß zu fassen - wir bemerken ja nur die "erfolgreichen"
Infektionen, nicht hingegen die tausendfach erfolgreiche Abwehr an den
verschiedenen Fronten unseres Immunsystems.
Da wären zunächst einmal die natürlichen Barrieren Haut und Schleimhäute, die
bereits ein schwer überwindliches Hindernis für die meisten Keime darstellen.
Ein guter Säurewert der Haut bzw. eine Besiedelung des Darmes mit für uns
günstigen Keimen erhöht den Schutz noch.
Im Blut und im Bindegewebe stehen weitere "Soldaten" für den Kampf gegen
unerwünschte Eindringlinge bereit: Unspezifische Faktoren wie die Makrophagen
("Fresszellen"), natürliche Killerzellen oder das Komplementsystem, dazu noch
spezifische Abwehrmittel, wie etwa B- und T-Lymphozyten. Diese wurden durch eine
Infektion oder Impfung "trainiert" und stehen nun "Gewehr bei Fuß", falls der
gleiche Erreger noch einmal sein Glück versucht. Die meisten Angriffe werden
bereits durch die Haut- und Schleimhautbarrieren abgewehrt. Sollte eine
Infektion diese Fronten überwinden, so benötigt das spezifische Abwehrsystem
einige Tage, um genügend Antikörper und Abwehrzellen zu bilden - daher dauert
ein Schnupfen in der Regel auch etwa 7 Tage.
Wir dürfen heute ohne Übertreibung sagen, dass sich unser medizinisches
Wissen über das Immunsystem alle paar Jahre verdoppelt. Und doch wissen wir
vermutlich nur einen kleinen Teil dessen, was wir benötigen würden, um dieses
komplexe Wunderwerk der Natur vollständig zu begreifen.
Einige recht einfache Untersuchungsmethoden stehen mittlerweile aber
allgemein zur Verfügung und können im Einzelfall den Ursachen für eine
Abwehrschwäche auf die Spur kommen:
- Blutbild plus Diffentialblutbild: Diese einfache und preiswerte
Untersuchung ergibt bereits Informationen über die Anzahl der weißen
Blutkörperchen (die für einen Teil der Immunabwehr verantwortlich sind) sowie
deren Untergruppierungen, z.B. die wichtigen Lymphozyten.
- Lymphozytendifferenzierung: Diese aufwendige und relativ teure
Spezialuntersuchung teilt die Lymphozyten in die verschiedenen Untergruppen
ein (z.B. T-Lymphozyten, B-Lymphozyten, Helfer-, Suppressor- und natürliche
Killerzellen), des weiteren kann das wichtige Verhältnis zwischen Helfer- und
Suppressorzellen errechnet werden, welches bei AIDS-Patienten sehr, bei
anderweitig immungeschwächten Patienten häufig mäßig erniedrigt ist.
- IgA-, IgG-, IgM-Globuline: Diese Antikörper gegen Krankheitserreger werden
von den B-Lymphozyten gebildet. Während in der Lymphozytendifferenzierung die
Anzahl der B-Lymphozyten bestimmt wird, können wir hier ihre Funktion
abfragen. Sind einzelne Zelllinien geschädigt, kann es zu umschriebenen
Mangelsituationen mit der Folge einer Abwehrschwäche kommen.
- Immignost ® oder Multi-Test-Merieux ®: Dieser Stempeltest (wie der
Tine-Test® bei der Tuberkulosetestung) misst die Funktion der T-Lymphozyten.
Sind diese schlapp, kommt es auch zu keiner deutlichen Reaktion auf die in die
Haut "eingestempelten" Antigene. Dann wird die Immunreaktion der T-Lymphozyten
aber auch nicht sehr intensiv ausfallen, wenn diese im Krankheitsfall mit
Antigenen zu bekämpfender Krankheitserreger konfrontiert werden.
- sIgA im Stuhl: Nur wenig bekannt ist, dass ca. 80 % der gesamten
zellulären Immunabwehr im Bereich des Darmes lokalisiert ist. Der Darm ist mit
400-600 m2 unsere größte Kontaktfläche zur Außenwelt. Hier muss sich das
Immunsystem mit den Antigenen der Nahrung und möglicher Krankheitserreger
befassen. Unter anderem entscheidet sich auch hier, ob das Immunsystem zu
schwach (Immunschwäche) oder überreagiert (Allergien). Die physiologisch
vorkommenden Darmbakterien spielen für die richtige Schulung des Immunsystems
eine entscheidende Rolle. Das sIgA im Stuhl gibt Hinweise darauf, ob und wie
gut dies funktioniert. Die Bestimmung der Darmflora zeigt uns die Verteilung
physiologischer, "guter" und ggf. auch pathogener, "schlechter" Bakterien oder
Pilze an.
Dieses Screening-Immunprogramm ergibt schon ein recht umfassendes Bild über
Zustand und Funktion des Immunsystems. Eine solche Untersuchung sollte aber
nicht "mal eben so", sondern nur dann durchgeführt werden, wenn aufgrund
häufiger oder schlecht überstandener Infektionen der dringende Verdacht auf eine
Immunstörung vorliegt.
Dr. med. Volker Schmiedel
Facharzt für Physikalische und Rehabilitative
Medizin
Chefarzt
der Inneren Abteilung